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Die Google Booksearch erregt die Gemüter wie die Erfindung der Buchdruckkunst

“Paris ebnet Google den Weg” titelte heute das Handelsblatt.
Googles Riesenprojekt einer Internet-Bibliothek ist einen weiteren Riesenschritt voran gekommen.

Die französische Nationalbibliothek stellt sich überraschend den Google-Scannern zur Verfügung. Eine riesige, weltweite Bestands-Digitalisierung ist der Plan, und 30 große, renommierte Bibliotheken wie die von Harvard, Princeton oder Oxford sind schon dabei. Und, man lese und staune, die Bayerische Staatsbibliothek.
Die größeren EU-Mitgliedsländer befürworten das Projekt, Deutschland sperrt sich störrisch.

“Es kann nicht angehen, dass der freie Zugang zu unserem kulturellen Erbe monopolisiert und den Kapitalinteressen einer einzigen Firma unterworfen wird.” läßt Kulturstaatssekretär Bernd Neumann verlauten.
Ja, wo war der denn in den letzten Jahren? Ist doch längst geschehen!
Über 10 Millionen Werke wurden bereits ins Netz gestellt. Das ist doch albern.
Und außerdem: Sie nehmen uns doch nichts weg, sie machen es nur für alle zugänglich!

Deutsche Politiker und Internet-Fragen, das geht nicht so gut zusammen.
Wie sollen sie sich damit auch auskennen, sie waren ja immer mit Regieren beschäftigt und hatten keine Zeit, um Internetfreaks zu werden.
Sie könnten vielleicht mal die Freaks als Berater in wichtigen Internet-Angelegenheiten befragen, eben die, die sich damit auskennen. Chaos Computer Club meets Merkel oder so.

Mit der Google Booksearch verhält es sich ähnlich wie mit der vertrauten Google Suchmaschine: Informationen werden erfasst, sortiert und für alle Interessenten kostenlos zur Verfügung gestellt.

Was ist daran schlecht?
Es spricht so viel dafür: Die EU-Medienkommissarin Viviane Reding äußerte gegenüber dem Handelsblatt, dass 90 % aller weltweit archivierten Bücher nicht mehr gedruckt und somit auch nicht mehr öffentlich zugänglich seien. Die EU-Kommission begrüße neue Geschäftsmodelle, die diese Inhalte wieder zu den Konsumenten bringen.

Natürlich kann das niemand aus reiner Menschenfreundlichkeit tun, natürlich müssen die Herren Google daran verdienen. So viel Mühe muss doch belohnt werden!
Sie hätten es ja auch ganz anders machen können, direkter. Man stelle sich vor, jede Suchanfrage würde Geld kosten, was würde das denn für ein Bildungsgefälle geben?

Nein, nein, so ist’s schon besser, wer fleißig arbeitet, darf auch entsprechend verdienen, niemand an Googles Stelle würde es anders machen, und das Gemeinwohl hat ja bisher üppig profitiert. Google ist nahezu unverzichtbar geworden.

Ein weites Feld ist selbstverständlich die Sache mit den Urheberrechten und den Autoren.
Wenn Google nur Bücher einscannen würde, deren Copyright bereits abgelaufen ist, wäre das Problem vielleicht schon vom Tisch. Vielleicht.

Aber Google nimmt sich auch Bücher, wo das noch nicht der Fall ist und hat in den USA mit dem Schriftstellerverband ausgehandelt, dass alle betroffenen Autoren sich bis zu einem bestimmten Stichtag melden können, dann bekommen Sie eine einmalige Zahlung.
Ob dieser Deal gut oder schlecht ist, ist schwer zu überschauen. Wenn die Alternative wäre, gar nix zu bekommen, ist er wohl gut.

Das Dilemma ist ähnlich wie in der Musikszene. Seit es Technologien zum freien Austausch gibt, schreit die Branche förmlich nach neuen Urheberrechtsregelungen. Da kommt man nicht mehr drumrum, das ist offensichtlich.

Bei aktuellen Büchern kooperiert Google übrigens schon mit mehr als 20.000 Verlagen.
“Wir bieten den Verlagen gratis eine Werbeplattform, und wir machen nur ein Fünftel des Textes zugänglich”, so ein Googlesprecher.
So bleibt der Kaufanreiz bestehen, wird sogar gesteigert.

Alle profitieren, der User, der sich einen Vorab-Eindruck bequem verschaffen kann, der Buchhandel, weil das Buch nach wie vor gekauft werden muss, und Google über die Werbung. Eine runde Sache.

Der ganze Hype erinnert in seiner Struktur an Martin Luthers deutsche Bibel.
Gutenberg erfand die Buchdruckkunst und machte damit die von Luther übersetzte Bibel für alle zugänglich. Welch eine Revolution!
Nun konnten die Menschen sich selbst überzeugen, was “gottgewollt” war und was man ihnen unter diesem Werbeetikett nur verkaufen wollte.

Man denke nur an die Ablassbriefe, mit denen man sich vom Fegefeuer freikaufen konnte (und die Kirche ihre Kreuzzüge finanzierte)!
Weh und Ach schrieen nur die, die nicht länger durch ihre alleinige Bibelhoheit Macht ausüben konnten…

Und vielleicht hätte Luther auch Adsense-Anzeigen in den Bibelseiten geschaltet, wenn sie ihm neue Einnahmen verschafft hätten, die er für sein nächstes Projekt hätte verwenden können.

Vielleicht “das Recht auf Brennholz für alle, nicht nur für Waldbesitzer” in Anlehnung an Googles Vision von umweltfreundlichen, für alle Menschen günstige oder gar kostenlose Energien.
Hier stehen sie, sie können nicht anders…

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