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Als im vergangenen Jahr die Innovation Google Wave angekündigt wurde, war ich ganz aufgeregt. Ich liebe die googelige Denkungsart, und von mir aus können die Burschen gern unanständig reich damit werden, wenn dafür Millionen Menschen kostenfreie Nutznießer sind.

Die Tatsache, dass so mancher ein Drittel seiner Arbeitszeit mit Kommunikationspflichten wie mailen, twittern, bloggen oder abonnierte RSS- Feeds lesen verbringt, hat Google den Anstoß zu dieser Idee gegeben. Zeit ist heutzutage ein kostbares Gut, und so war ich sehr neugierig auf Google Wave, Plattform für das Community-Wesen.

Wenn das Web 1.0 dem Informationsaustausch diente und das jetzige 2.0 dem Business, dann wird Web 3.0 das Web der Communities sein.

Damit ist nicht nur so etwas wie Facebook oder StudiVZ gemeint, es wird mit interaktivem Marketing zu tun haben durch das Bilden von Netzwerken.

Bisher wurde ein Produkt hergestellt und der Kunde durch geschickte Vermarktung dazu gebracht, es haben zu wollen. Zukünftig soll es umgekehrt sein, erst sagen die Kunden  was sie wie haben möchten, und dann wird das so produziert.

Im Prinzip wie bei spreadshirt.de, wo man sich mit eigenen T-Shirt-Motiven individuelles Design aufdrucken lassen kann, nur im größeren Maßstab.  Das Konzept mal auf die Auto-Industrie übertragen… und Klamotten allgmein…

Bei der Firma Dell haben unzufriedene, bloggende Kunden bewirken können, dass der Kundendienst-Ruf von “Dell ist Scheiße” auf “Bester von allen” optimiert wurde. Der Dell-Chef hat sich mal die Mühe gemacht hat seinen Kunden zuzuhören/lesen, er hat gesehen, was für eine Multiplikator-Wirkung Blogger haben und konnte diesen negativen Effekt ins Positive umwandeln, indem er tatsächlich erstklassigen Service anbot. Nun sind beide Seiten mehr als zufrieden, angeschoben wurde das Ganze durch Communities…

Aber das nur am Rande zum Thema Web 3.0.

Google Wave also sieht vor, alles unter eine Mütze zu packen, Chat, Experten-Foren, Wikis, Twitter, moblogging, alles wird gleichzeitig zu einem Themenschwerpunkt (=Wave) sichtbar und bearbeitbar sein.

Lässt man den Kommerz jetzt mal außen vor, eröffnen sich tolle Möglichkeiten.

Ganz schlichtes Beispiel: Schule.

Setzen wir voraus, jedes Kind könnte über einen Laptop oder wenigstens über einen PC in der Schule oder zu Hause verfügen.

Thema einer Klasse wäre “Das Judentum in unserer Stadt”.

Heute müssten die Kinder über ein gemeinsames, von einem Administrator eingerichtetes  Netzwerk verfügen, sich auf einer gemeinsamen, von einem Admin anzulegenden Seite einloggen, einen Themenbeitrag schreiben, sich ausloggen.

Und/oder das Programm “ICQ” auf dem Rechner zu Hause  installiert haben, sich dort einloggen, um sich mit anderen Schülern schriftlich unterhalten zu können.

Und/oder sie könnten sich bei ihren jeweiligen Anbietern einloggen und sich emails schreiben, viele emails, wenn etwas diskutiert wird.

Und/oder  sie könnten sich alle in einer Community wie Schüler-VZ registrieren und diese -dafür fragwürdige- Plattform nutzen.

Mit Google Wave, das sich nicht auf einem Rechner installiert, sondern “im Internet” befindet, haben alle gleichzeitig und zu jeder Zeit Zugriff auf ihre gemeinsame Welle.

Keine ‘und/oder’ mehr,  sie sehen auf einen Blick, wer gerade online ist, können sich in Echtzeit schreiben wie beim Chat, alle könnten gemeinsam eine Dokumentation erarbeiten, die aus den verschiedensten Teilstücken besteht.

Kind 1 schreibt in die Dokumentation, was die Oma über die Sitten der jüdischen Nachbarn erzählt hat.

Kind 2 berichtet von einer Fotoausstellung zum Thema im Stadtarchiv.

Kind 3 ist gerade in der City, macht mit seinem internetfähigen Handy ein Foto vom Mahnmal des jüdischen Friedhofs, läd es hoch, womit alle es sehen können, stellt es zur Diskussion.

Vier andere sitzen gerade zu Hause und tun ihre Ansicht kund.

Der Lehrer zu Hause in seinem Arbeitszimmer schaltet sich zu und schlägt vor “Jessica, in deinem Profil steht, dass du dich sehr für Mode interessierst. Kannst du mal gucken, ob du etwas zum Thema Mode, Kleidervorschriften damals usw. findest?”

Auf der Pinnwand ist ein Aufruf an alle Interessierten, den Nachbarort gemeinsam zu besuchen, weil es dort eine jüdische Gemeinde gibt. Ein paar Leute könnten vielleicht ein Gespräch mit dem Gemeindevorsteher führen.usw. usw.

So könnte ein riesiges, vielschichtiges Werk entstehen mit vielen Perspektiven und Betrachtungsweisen, das alle gleichzeitig wachsen sehen und mitgestalten können.

Und das war jetzt nur ein klitzekleines Beispiel der Alltagstauglichkeit von GoogleWave.

Man stelle sich  vor, was da im größeren Rahmen möglich ist! Wie schnell und wie breit  Informationen gestreut werden können, wie zielgenau man die richtigen Leute für ein gemeinsames Projekt finden kann, wie viel leichter sich “Bruderschaften” aufdecken ließen, Klüngel entfilzt.

Und wie man Wikis über bloße Fakten hinweg aufblasen könnte! Gefühlte Vergangenheit ließe sich so erzeugen.

Aber ach, bis jetzt sieht es in Deutschland noch recht mau aus. Der größte Teil der User kennt die technischen Möglichkeiten des Internets noch gar nicht, tastet sich gerade durch die ersten ein, zwei Communities seiner Interessensgebiete, Kochrezepte- oder Golf GTI-Teile-Forum.

Und natürlich die Selbstdarstellungsplattformen. Die early adopters kommen dagegen kaum noch nach beim Ausprobieren der neuen Möglichkeiten, die eigentlich Zeit ersparen sollen und in ihrer Gesamtheit doch nur noch mehr Zeit kosten.

Was mache ich jetzt bloß mit meinem Test-Google Wave-Account? Heißbegehrt, aber zu nichts gut? Hat einer ‘ne Idee?

Ich kenne genau zwei Leute, die sich überhaupt bei Google registriert haben und wenigstens das geniale Mailprogramm und ein paar Tools nutzen. Uns eint nichts Wellentaugliches, und so kann man keine Welle machen, allenfalls ein Schwappen an den Strand.

“Ich hab dafür keine Zeit, ich kann nicht den ganzen Tag am Rechner hocken”, bekomme ich oft zu hören.

Ja, nee, is klar, ich auch nicht, aber dafür könnte  man doch ein internetfähiges G1-Handy mit Google’s Android-Betriebssystem nutzen, ideal, um nervige Wartezeiten aller Art sinnvoll zu füllen…bis die Kartoffeln gar sind, oder statt sein Kind zu irgendeinem Training zu fahren und wieder abzuholen einfach dableiben, es sich im Auto gemütlich machen und an etwas Weltbewegendem mitarbeiten. Dann braucht man auch nicht zweimal zu fahren.

“Ich bin schon bei Facebook / Xing / W-K-W…”

Das dürfte schon eher ein Problem sein. Jeder ist woanders.

GoogleWave müsste  einen echten Mehrwert bieten, um Fans zu gewinnen.

Und solange nicht eine deutsche Version  zur Verfügung steht, die der Mehrheit der deutschen User die Möglichkeit gibt herauszufinden worin der Mehrwert besteht, werden die Google Waves hier wohl leider nicht hoch schlagen.

2 Kommentare to “Google Wave – doch nicht die perfekte Welle?”

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