Andere Seiten
Archiv

verblendung-der-film-151x240 Meistens ist man als Leser eines geschätzten Buches von der Verfilmung desselben enttäuscht. Zu sehr weichen die filmischen Bilder ab von denen, die im Kopf beim Lesen entstehen, die gelesenen Gedankengänge der Akteure sind oft in den visuell umgesetzten Bildern kaum zu identifizieren.

Trotzdem entschloss ich mich mir die Verfilmung von Stieg Larssons “Verblendung” im Kino anzusehen.

Überaus spannend, das war ja eigentlich klar bei der Vorlage, ziemlich gelungen in der Auswahl der Darsteller. Echte Typen/Gesichter/Persönlichkeiten, nicht der amerikanische Einheitsbrei der Schönen.

Heute, am Tag danach, stelle ich fest, dass mir zwei Szenen nachhaltig immer wieder im Kopf herumspuken, und beide haben mit Sex zu tun.

Eigentlich habe ich überhaupt nicht diesen weit verbreiteten voyeuristischen Zug an mir, ich sehe nicht gern anderen Leuten beim Sex zu und finde, dass so etwas “privat gehört”, auch wenn ich mit dieser Ansicht allmählich in die gesellschaftliche Abteilung Dinosaurier falle.

Sehr auffällig aber war, dass der einzige Lacher im Publikum während des gesamten Films durch eine Sexszene ausgelöst wurde.

Die harte, unnahbare Computer-Hackerin Lisbeth Salander schlüpft wortlos bei ihrem in menschlicher Mitte gehaltenen Filmpartner Mikael Blomkvist ins Bett, besteigt ihn, (t)reibt sich bis zum Orgasmus und klettert wieder runter. Als sie sich zur Tür wendet, fragt er verwirrt “Gehst du schon?” Und da kommt der Lacher im Publikum.

Ein Lacher aus Überraschung über die Umkehrung des Gewohnten.

Sie benutzt ihn. Dass an der Stelle gelacht wird, sagt wohl einiges über herrschende sexuelle Gleichberechtigung aus, oder?

Die andere Szene wiegt schwerer.

Lisbeth ist zuvor von ihrem “Amtsvormund” schwer misshandelt und vergewaltigt worden. Sie sucht ihn erneut auf, lässt ihn einen Moment in seinem Glauben an seine überlegene Machtposition, und dann handelt sie.

Mit einem Elektroschocker macht sie ihn schnell und unerwartet kampfunfähig. Als er wieder zu sich kommt, liegt er nackt und gefesselt auf dem Boden. Lisbeth zieht einen Dildo aus ihrem Rucksack und rammt ihn ihrem Peiniger genauso gnadenlos rein wie er ihr zuvor.

Kein Lacher im Publikum.

Aber: ich sehe eine Frau die berühmte Beckerfaust machen, begleitet von einem leisen, ausdrucksstarken “Ja!”

Puh.

Da haben wir jahrelang über schwere Kindheiten, Täter-Opfer-Ausgleich, Empathietraining und ähnliches diskutiert, und dann bekommt man so etwas serviert. Gefährlich verlockend. Befreiend. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Sprich die Sprache deines Feindes, damit er dich versteht.

Nicht, dass ich Gegengewalt für eine Lösung hielte, aber es tat gut, das muss selbst ich Weichgespülte gestehen…

1 Kommentar to “Stieg Larsson: Verblendung – Nachgedanken zum Film”

  • Ich hatte zuerst den Film “Verblendung” gesehen und bei der Vergewaltigung Szene wollte ich den Vormund töten.
    Grandios von Noomi Rapace gespielt.
    Ich habe mich in Sally verliebt ;-)

Kommentieren